Herbstkonferenz von Automotive Nordwest

Dienstag, 29. November 2016

Elektromobilität vor dem Durchbruch

Herbstkonferenz von Automotive Nordwest zeigte Strategien zur Bewältigung des Wandels auf

 

Die Automobilindustrie in Bremen und Niedersachsen bereitet sich auf den Durchbruch der Elektromobilität vor. Vertreter aus Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen tauschten bei der Herbstkonferenz 2016 des Netzwerks Automotive Nordwest neue Erkenntnisse aus, wie der Wandel bewältigt werden kann. Während die Hersteller und Zulieferer sich mit ganz neuen Technologien am Markt behaupten müssen, stehen nach Meinung der Experten auch die Anwender vor Herausforderungen: Alle Unternehmen, die eigene Fuhrparks betreiben, werden sich beim Wechsel auf Elektrofahrzeuge mit Veränderungen auseinandersetzen müssen – vom mobilen Pflegedienst bis zur internationalen Spedition.

 „Nach mehreren Versuchen, den Verbrennungsmotor durch Elektroantriebe zu ersetzen, scheinen alle Verantwortlichen dies nun mit großer Energie und auch mit gesetzlichen Regeln voranzutreiben“, erklärte Manfred Meise, Vorstandsvorsitzender von Automotive Nordwest, die veränderte Situation. Hersteller von Fahrzeugkomponenten stünden nun vor der Frage, welche Produkte schon bald nicht mehr gebraucht werden und wie sie diese Lücken durch neue Entwicklungen schließen können. Auf Anwenderseite stehe jetzt die Auswahl der geeigneten Fahrzeuge im Vordergrund, aber auch die Planung von Ladestationen für Mitarbeiter, Kunden und Gäste. Unterdessen gewinnt auch das Carsharing laut Meise für Betriebe an Attraktivität.

Für die Region liegen in diesen Entwicklungen große Chancen, wie Anna Meincke, Geschäftsführerin der Metropolregion Nordwest, bei der Begrüßung der mehr als 100 Teilnehmer hervorhob. Die Metropolregion förderte nach dem Aufbau des Clusters Automotive Nordwest auch die Herbstkonferenz, weil das Thema Elektromobilität die Schwerpunkte des bremisch-niedersächsischen Verbunds widerspiegelt: Nachhaltigkeit, Innovation und Standortattraktivität. „Es wäre schön, wenn wir im Nordwesten der Standort für Elektromobilität würden“, betonte sie mit Blick auf die regionalen Stärken in den Bereichen Erneuerbare Energien und Automobilproduktion.

Neue Anforderungen an die Infrastruktur

Aus der Praxis berichtete Rainer Soltwedel, Geschäftsführer der Schulz Systemtechnik GmbH und Gastgeber der Veranstaltung, von den Folgen der Elektromobilität für Unternehmen. Das Anlagenbau-Unternehmen gehört mit rund 1000 Mitarbeitern zu den führenden Anbietern von Automatisierungslösungen und deckt die Bereiche Mechanik, Elektrik und Informatik ab – alle drei spielen zentrale Rollen bei den Fahrzeugen der Zukunft. Schulz Systemtechnik beschäftigt sich unter anderem mit der Herstellung der benötigten Infrastruktur, die nicht nur aus den Ladesäulen besteht. „Es wird auch viel Energietechnik benötigt“, so Soltwedel. „Um viele Ladesäulen auf einmal zu betreiben, muss man zunächst die Energie dort hinbringen und sie managen.“

Wenn beispielsweise ein Supermarkt sechs Schnelladesäulen auf dem Hof aufbauen wolle, brauche er eine deutlich bessere Anbindung ans Stromnetz. Zusätzlich würden Lösungen benötigt, um den getankten Strom an der Supermarktkasse abrechnen zu können. Schulz Systemtechnik entwickelt aber auch Anlagen für neue Bedürfnisse in der Automobilproduktion, beispielsweise für den Einbau und Austausch der schweren Batterien.

Elektrifizierung des Fuhrparks lohnt sich schon heute

Dass dem elektrischen Antrieb die Zukunft gehört, verdeutlichte Rainer Raddau, Gesamtverantwortlicher für eMobility bei der EWE Vertrieb GmbH. In deutschen Ballungszentren würden regelmäßig Schadstoff-Grenzwerte überschritten und der Verkehr nehme stetig zu. So seien Städte und Kommunen gezwungen, neue Konzepte zu entwickeln. In Norwegen und den Niederlanden dürften beispielsweise ab 2025 keine neuen Fahrzeuge mehr zugelassen werden, die ausschließlich einen Verbrennungsmotor vorweisen, berichtete Raddau. In Deutschland werde ein Verbot ab 2030 in Erwägung gezogen. Zudem lohne sich die Elektrifizierung eines gewerblichen Fuhrparks schon heute für Unternehmen. So fielen beispielsweise die Wartungs- und Betriebskosten deutlich geringer aus, es gebe eine Befreiung von der Kfz-Steuer und Käufer könnten sich die Anschaffung vom Bund mit bis zu 4.000 Euro bezuschussen lassen.

Die Bundesregierung wolle mit dieser und weiteren Maßnahmen erreichen, dass Deutschland innerhalb von zehn Jahren zum Leitmarkt für Elektromobilität wird, erklärte Frank Barenscheer von der Dekra Certification GmbH. Das Unternehmen ist mit einem breiten Dienstleistungsspektrum in über 50 Ländern tätig und konzentriert sich dabei auf das Thema Sicherheit. Im Bereich Elektromobilität sind diesbezüglich zahlreiche neue Gefährdungen zu beachten, von der Vandalisierung der Ladestationen über die Sicherung der Elektroanschlüsse bis zum Schutz vor Manipulationen der Software. Auch der Bedarf an Standardisierungen steige – unter anderem bei Geschäftsmodellen, die einen regelmäßigen Austausch der Fahrzeugbatterien erfordern, so Barenscheer.

Deutschland bei Forschung und Entwicklung gut aufgestellt

In der Batterie liegt grundsätzlich ein Schlüssel zum Erfolg im Bereich Elektromobilität, denn sie bildet das neue Herzstück des Fahrzeugs und verursacht einen großen Teil der Kosten. Linus Froböse, Leiter des Forschungsschwerpunkts Neue Systemtechnologien bei der Battery LabFactory Braunschweig, berichtete, wie Lithium-Ionen-Akkus produziert werden und warum sie – noch ­– vergleichsweise teuer sind. Die Battery LabFactory forscht unter anderem an neuen Lösungen, um mehr Leistung auf weniger Raum unterzubringen, aber auch an Technologien zum Recycling der Geräte. Asien habe bei der Batterietechnik in den vergangenen Jahren einen großen Vorsprung aufgebaut, allerdings sei Deutschland im Bereich Forschung und Entwicklung auch sehr gut aufgestellt. Die Battery LabFactory kooperiere in ihren Projekten immer mit Unternehmen und sei dabei nicht nur auf das benachbarte VW-Werk beschränkt, sondern ebenso offen für Mittelständler.

Für besonders anwendungsnahe Forschung steht auch das Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM in Bremen. Volker Zöllmer, Abteilungsleiter Functional Printing, stellte bei der Herbstkonferenz speziell das Thema „Funktionsintegration im Automobilbau – Neue Materialien für den EMV-Schutz“ vor. Bei

EMV handelt es sich laut EU-Richtlinie um die „Fähigkeit eines Apparats, einer Anlage oder eines Systems, in der elektromagnetischen Umwelt zufriedenstellend zu arbeiten, ohne dabei selbst elektromagnetische Störungen zu verursachen, die für die in dieser Umwelt vorhandenen Apparate, Anlagen oder Systeme unannehmbar wären.” Durch die Elektromobilität gewinnt der EMV-Schutz zusätzliche Bedeutung. Laut Zöllmer arbeitet das Fraunhofer IFAM an Lösungen, die den Schutz nicht nachträglich, sondern schon im Design einer Fahrzeugkomponente berücksichtigen. Besonders die Verwendung von Metallfaser-Polymer-Kompositen als Werkstoff biete sich an, weil sie sehr gute EMV-Eigenschaften zeigen und sich gut verarbeiten lassen.

Auch der ÖPNV wird sich verändern

Aufgrund der weltweiten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sei in den kommenden Jahren mit deutlich fallenden Preisen im Bereich Elektromobilität zu rechnen, glaubt Markus Spiekermann vom E-Carsharing-Anbieter Move About. Nicht nur die Batterien würden billiger, sondern auch die Produktion von erneuerbaren Energien. Alleine in der Photovoltaik seien die Preise seit 2009 um mehr als 60 Prozent gesunken. Die Elektromobilität sei daher in Kombination mit Ökostrom bereits jetzt praxistauglich, wie auch der Blick nach China zeige, wo bereits Hunderttausende von E-Autos auf den Straßen seien.

Move About bereitet sich unterdessen schon auf einen weiteren Megatrend vor: das selbststeuernde Fahrzeug. „Autonomes Fahren wird auch den ÖPNV umkrempeln“, erwartet Spiekermann. Carsharing und Taxis würden noch kostengünstiger, wenn das Auto selbstständig zum Kunden fahre, erwartet er. „Die Städte werden mittelfristig viel weniger Fahrzeugbestand haben – zugunsten der Menschen und der Grünflächen.“  

Für deutsche Hersteller und Zulieferer bleibt nach Meinung der Experten dennoch genug zu tun. Zum einen, weil der Nachholbedarf beim Individualverkehr in vielen Teilen der Welt noch lange groß bleibe, zum anderen, weil der technologische Wandel auch erhebliche Chancen für innovative Unternehmen biete. Die Herbstkonferenz lieferte dafür die Anregungen und Kontakte.

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